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Unternehmenskultur, Softwareentwicklung und Architektur

3. Januar 2023

Wer schlau sein will, darf teilen.

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4 Minuten Lesedauer

Es ist schon ziemlich kurios, wie es in unserem Bildungssystem zugeht: auswendig lernen, abgefragt werden, Bewertung erhalten – vergessen. Selbst viele Studienfächer funktionierten bei mir nach diesem Prinzip. Und dann noch diese unnötige Lehrperson, die meint, die Allgemeinbildung definiert zu haben, und Wissenslücken vor der Klasse bloßstellt. – Untragbar, würde mir so jemand im Berufskontext über den Weg laufen.

Quelle: Pixabay

Denn in meiner Arbeitsrealität ist das zum Glück ganz anders. Das kollaborative Umfeld und die Teamkultur in der Softwareentwicklung, so wie wir es auch bei pentacor leben, hat einen abweichenden Blick auf Wissen und Unwissen:

  • Dass man auch von Anfängern lernen kann,

  • dass Wissen zu teilen das eigene Wissen vermehrt und

  • dass man am besten lernt, was man anderen erklärt,

sind hier keine Teebeutelsprüche, sondern gelebte Realität.

Jeder in der Branche ist sich im Klaren darüber, dass man niemals alles wissen kann. Denn speziell in der Softwareentwicklung steht man vor der Herausforderung, dass sich das Wissen ständig weiterentwickelt. Sprachen, Frameworks, Module, Plattformen und Technologien können morgen schon wieder veraltet sein oder es kommen neue Features dazu, die einfachere, effizientere, elegantere, … Lösungen ermöglichen. Und spätestens dann, wenn man als Consultant den Kunden wechselt, wird alles Wissen relativ.

Das Wissensfeld scheint unendlich groß und ein Flaschenhals, der uns an so vielen Stellen im Leben in die Quere kommt, tut das auch hier: die Zeit. Auch in einem Szenario, in dem der Arbeitgeber freie Zeit dafür zur Verfügung stellt – so funktioniert das bei uns – bleibt das Fass ohne Boden. Lernen und Neues zu entdecken mutiert schnell zu einem Hobby, das in der Freizeit stattfindet. Die eine oder der andere wählt Fernsehen und Entertainmentzeit gleich ganz ab und beschäftigt sich lieber mit spannenden Themen, die ausprobiert und angeeignet werden wollen – gelegentlich auch bis in die späte Nacht („Nur noch kurz …“).

Und so überholt dann die intrinsische Motivation die extrinsische, die ursprünglich mit konkreten Problemen, Herausforderungen oder Kundenanforderungen um die Ecke kam. Es lernt sich eben besonders gut, wenn man in einer greifbaren Aufgabenstellung direkt zur Wissensanwendung kommt (viele Grüße ans Bildungssystem). Herausforderungen zu lösen hat etwas unglaublich Befriedigendes und wenn‘s läuft, hört man danach nicht auf, sondern gräbt sich (gezogen von Neugier) noch ein paar Meter tiefer ins Thema.

Lernen kann Spaß machen. Und seit ich gelernt habe, dass Lernen eine Typfrage ist, und mir erlaube, dass ich z. B. nicht der Typ für trockene Sachbücher bin, kann ich ziemlich gezielt dafür sorgen, d a s s mir Lernen Spaß macht. Wo andere bei Konferenzen davonlaufen, rufe ich „Hier!“ und wo Videos und Podcasts als zu unkonkret belächelt werden, kann ich supertief tauchen. Doch ganz aufgegeben habe ich auch das Thema mit den trockenen Sachbüchern noch nicht. Um dem Wachstum des To-Read-Stapels (Bücher kaufen und Bücher lesen sind zwei verschiedene Hobbys) etwas entgegenzusetzen, wurde mir kürzlich die Gründung eines Buchclubs empfohlen. Und da es dann jemanden zum Zuhören und Austauschen gibt, könnte es auch mit der Lesemotivation und mir klappen. Den Erfahrungsbericht, ob und inwieweit diese Idee tragen wird, muss ich euch (Stand heute) noch schuldig bleiben.

Quelle: Pixabay

Natürlich, und noch viel mehr zum Glück, ticken nicht alle meine KollegInnen so wie ich. Wir sind ein bunter Haufen ganz unterschiedlicher Typen. Das soll so! Jeder lernt auf seine Weise. Jeder durchdringt Themen auf eine andere Art. Ob abstrakt oder ganz konkret: Wirklich vollständig wird das Bild erst, wenn mehrere Perspektiven zusammenkommen. Besonders gut klappt das bei uns im Rahmen der „Mexikaner-Runden“ oder auch gern bei einem MeetUp.

Damit man überhaupt mitbekommt, was die anderen so treiben (im Projektgeschäft keine Selbstverständlichkeit), stärken wir die Vernetzung firmenintern mit unseren zweiwöchentlichen Crossteam-Meetings: unternehmensübergreifend mitbekommen, was die anderen gerade tun, und sich im besten Fall daran erinnern, wenn man selbst vor der Herausforderung steht – so die Idee.

Und falls alle planlos sind, funktioniert es in unserem Team auch gut, gemeinsame Lücken gemeinsam zu schließen. Beispielsweise, indem sich eine kleine Gruppe ein Thema schnappt, es durchdringt und dem Rest der Mannschaft die Erkenntnisse in einer Transfersession serviert. Manchmal stellen wir sogar komplett interne Schulungen auf die Beine.

Auch wenn erst einmal Zeit investiert werden muss, profitieren am Ende alle. Denn, wer Wissen und Erkenntnisse für andere aufbereitet und verwertbar macht, profitiert in Sachen Langzeitspeicherung auf der eigenen „Festplatte“. Funktioniert übrigens auch mit Blogartikeln.

Mitunter nimmt der Wissensaustausch eine ganz eigene Dynamik an. Wenn ich das Gegenteilswort zu „Teufelskreis“ kennen würde, würde ich es jetzt verwenden. Das Wissen, das eine Person teilt, inspiriert die nächste, die sich mit frischer Motivation ein angelehntes Thema vornimmt, um es anschließend wieder mit anderen zu teilen, und so weiter und so fort.

Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, dass es auch hilft darauf zu vertrauen, dass das Wissen, das wirklich für mich relevant ist, immer wieder zu mir kommt. Es also bewusst nicht festzuhalten. Und irgendwann hört man einen Vortrag oder liest einen Artikel, der sich der Sache aus einer anderen Perspektive nähert und die Brücken im Kopf bauen sich ganz automatisch.  Auf diese Weise wird Wissen nicht nur bleiben, sondern auch reifen.

Das Bildungssystem hat die Weichen ziemlich ungünstig gelegt. Noch heute fällt es mir und (da bin ich mir sicher) auch anderen schwer, die eigene Unwissenheit transparent zu machen und nachzufragen, wenn ich mich bei einem Thema abgehängt fühle und alle um mich herum nur noch mit Fachbegriffen um sich werfen. Springt man aber über den eigenen Schatten und bittet aktiv um eine Erläuterung, macht man in den überwiegenden Fällen eine positive Erfahrung. Die hohen Ansprüche hat man nämlich meistens (die Schulzeit noch mit sich herumtragend) nur selbst an sich.

Eins sollte nach diesen Zeilen hoffentlich klar geworden sein: Wir kommen und wollen nicht daran vorbei uns crossfunktional aufzustellen. Es zählt das Team und im Zweifel wissen wir gemeinsam alles. Unser Schwarm ist intelligent.

PS.: Lifehack – die trockensten Bücher und Podcasts eignen sich übrigens hervorragend zum Einschlafen.

PPS.: Habe zwischenzeitlich wieder was im Team gelernt: Das Gegenteilswort zu „Teufelskreis“ ist „Engelsspirale”.

PPPS.: Der Buchclub hat nun mittlerweile auch Fahrt aufgenommen und läuft super. Zum Nachmachen geeignet!

Quelle: Pixabay

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