Datum
April 2, 2025
Lesedauer
19 Min.

APIs ohne Plan? Warum Wildwuchs nicht das Problem ist – sondern die fehlende Plattform

Von

Andreas Siegel

APIs sind aus der modernen IT nicht mehr wegzudenken. Sie verbinden Systeme, bringen Geschwindigkeit in Prozesse und machen es Teams leichter, digitale Produkte und Services zu bauen. Kein Wunder also, dass viele Unternehmen auf eine API-Strategie setzen – sie soll Ordnung ins System bringen und Entwicklung gezielter möglich machen.

Doch manchmal kommt dann schnell die Kritik: „Mit so einer API-Strategie fördern wir doch nur noch mehr Wildwuchs!“ Mehr Schnittstellen, mehr Komplexität, mehr Chaos?

Die Wahrheit ist: API-Wildwuchs entsteht nicht wegen einer API-Strategie – sondern meist ohne sie. In vielen Unternehmen gibt es längst jede Menge APIs: hier ein Microservice, dort ein Projekt-Backend, irgendwo noch ein Integrationstool oder eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung, die Wiederverwendung von vornherein ausschließt. Viele dieser Schnittstellen sind nicht dokumentiert, nicht auffindbar und niemand fühlt sich so richtig verantwortlich. Fehlende Standards, heterogene Protokolle und fehleranfällige Integrationen ergänzen das Bild. Kurz: Die APIs sind da – aber niemand hat den Überblick.

Und selbst wenn es eine Strategie gibt, läuft nicht alles automatisch rund. Oft wird API-first gefordert, es gibt Zielvorgaben für die Anzahl veröffentlichter APIs – aber niemand fragt nach dem „Warum?“. Welche APIs bringen wirklich einen Mehrwert? Wer kümmert sich um sie, wenn sie einmal live sind? Wenn solche Fragen offenbleiben, entsteht zwar Aktivität, aber keine Richtung.

Genau hier kommen API-Plattformen ins Spiel. Sie sorgen für Sichtbarkeit, schaffen Struktur und helfen dabei, das API-Ökosystem eines Unternehmens sinnvoll zu steuern. Sie zeigen, was da ist, und ermöglichen, damit verantwortungsvoll umzugehen. Und sie unterstützen eine Denkweise, die immer wichtiger wird: API Thinking – also der Blick auf APIs als Produkte mit klarer Zielgruppe, Nutzen und Verantwortung.

Foto generiert mit Midjourney

Was ist eigentlich API Sprawl – und warum ist das ein Problem?

API Sprawl klingt zunächst wie ein Buzzword, das in einem Slide-Deck für IT-Strategie-Workshops herumschwirrt. Dahinter steckt aber ein sehr reales Problem: eine unkontrolliert wachsende Anzahl von APIs, die kaum jemand überblickt – geschweige denn steuern kann.

Typische Symptome:

  • Ähnliche APIs in doppelter Ausführung: Zwei Teams bauen unabhängig voneinander fast die gleiche API – weil sie nichts voneinander wissen oder keinen Überblick haben, was es schon gibt.
  • Zuständigkeit unklar: Eine API ist produktiv – aber niemand weiß, wer sie pflegt oder ob sie überhaupt noch aktiv genutzt wird.
  • Dokumentation fehlt oder ist veraltet: Die API ist da, aber niemand kann sie nutzen, weil Beschreibung und Beispiele fehlen – oder weil die vorhandene Dokumentation nicht mehr zur aktuellen Version passt.
  • Keine zentrale Sichtbarkeit: APIs werden zwar produktiv genutzt, sind aber in keinem gemeinsamen Katalog erfasst. Wer etwas wiederverwenden will, muss erst mühsam suchen – oder ganz von vorn anfangen.
  • Technologischer Wildwuchs: Unterschiedlichste Standards, Authentifizierungsmechanismen oder Designkonventionen machen es schwer, APIs konsistent zu nutzen oder zu integrieren.
  • Kein Plan für das Abschalten (Sundowning): Veraltete APIs bleiben aus Sicherheitsgründen lieber online – einfach, weil niemand weiß, ob sie noch irgendwo gebraucht werden.

Das kann teuer werden. Nicht nur, weil es den Betrieb verkompliziert, sondern auch, weil dadurch Innovation gebremst wird: Wenn Entwickler*innen keine zuverlässige Übersicht über bestehende APIs haben, bauen sie lieber neu – und so beginnt der Kreislauf von vorn.

Sprawl ist also kein rein technisches Problem. Es ist auch eine Frage von Verantwortlichkeiten, Transparenz und guter Zusammenarbeit. Und genau deshalb reicht es nicht, APIs nur „strategisch“ zu fordern – sie brauchen einen Rahmen, damit sie nicht einfach irgendwo ins Leere wachsen. Es ist wichtig zu verstehen: Das ist kein rein technisches Problem. Es geht genauso um Organisation, Kommunikation und Verantwortlichkeiten. Wenn APIs nicht klar dokumentiert, zugeordnet und sichtbar sind, fehlt die Grundlage für Zusammenarbeit – und genau das verstärkt die Fragmentierung noch weiter.

Wie API-Plattformen helfen, den Überblick zurückzugewinnen

Wenn aus allen Richtungen APIs entstehen – von verschiedenen Teams, für unterschiedliche Zwecke, oft ohne zentrale Abstimmung – dann braucht es etwas, das Ordnung schafft. Genau hier kommen API-Plattformen ins Spiel.

Eine gute API-Plattform ist weit mehr als nur ein technisches Tool. Sie ist das Betriebssystem für den Umgang mit APIs im Unternehmen. Sie sorgt dafür, dass APIs nicht einfach irgendwo existieren, sondern sichtbar, nutzbar und steuerbar sind.

Was bedeutet das konkret?

  • Zentrale Übersicht: Die Plattform stellt einen zentralen API-Katalog bereit, in dem alle APIs registriert sind – inklusive Beschreibung, Ansprechpartner, Nutzungshinweisen und Statusinformationen. So entsteht Transparenz über die API-Landschaft.
  • Versionierung und Lifecycle Management: Die Plattform unterstützt bei der Verwaltung von API-Versionen, dem kontrollierten Rückbau veralteter Schnittstellen (Sundowning) und der Einführung neuer Releases. Das sorgt für Ordnung und vermeidet Altlasten.
  • Zugriffskontrolle: Wer darf welche API nutzen? Die Plattform integriert Rollen- und Rechtekonzepte, die den Zugriff zentral regeln – zum Beispiel über API Keys, OAuth oder andere Authentifizierungsmechanismen.
  • Monitoring: Die Nutzung jeder API kann live verfolgt werden – etwa Aufrufe, Latenz, Fehlerraten oder andere Metriken. Das hilft beim Betrieb, bei der Optimierung und bei der Entscheidungsfindung.
  • Governance: Gute Plattformen schaffen Leitplanken – also klare Regeln, wie APIs gestaltet, dokumentiert und veröffentlicht werden sollen. Zum Beispiel: Welche Namenskonventionen gelten? Welche Informationen müssen im Katalog stehen? Was gehört in die Dokumentation? Solche Standards geben Teams Orientierung und sorgen für Konsistenz – ohne die kreative Arbeit zu bremsen.
  • Policy Enforcement: Damit diese Regeln nicht nur auf dem Papier stehen, hilft die Plattform dabei, sie automatisch umzusetzen. Etwa durch Checks in der CI/CD-Pipeline, automatische Prüfungen der OpenAPI-Spezifikation oder Freigabeprozesse, bevor eine API live geht. So bleibt die Qualität hoch – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
  • Self-Service für Teams: Entwicklungsteams können APIs eigenständig registrieren, konfigurieren, versionieren und dokumentieren – ohne auf zentrale Gatekeeper angewiesen zu sein.
  • Automatisierte Prozesse: Viele Plattformen lassen sich nahtlos in CI/CD-Pipelines einbinden. So können APIs automatisiert geprüft, veröffentlicht oder archiviert werden – inklusive Security-Checks und Style-Guides.
  • Nutzer-Onboarding: Ein gutes Developer-Portal macht APIs zugänglich: mit verständlicher Dokumentation, Beispielen, Testfunktionen, SDKs und Support-Möglichkeiten. Das senkt die Einstiegshürde, intern wie extern.
  • Lebenszyklus-Begleitung: Die Plattform begleitet APIs von der Idee über die Entwicklung und Nutzung bis hin zur Stilllegung – inklusive Nachvollziehbarkeit und Kommunikation mit den Nutzer*innen.

Und: Das gilt nicht nur für externe APIs. Gerade intern hilft eine Plattform, Schnittstellen sichtbar zu machen, Redundanzen zu vermeiden und Verantwortlichkeiten klar zuzuordnen.

Best Practices im Umgang mit API Sprawl

API Sprawl lässt sich nicht vollständig vermeiden – und das ist auch okay. Die API-Landschaft eines Unternehmens wird wachsen, wenn sich Teams bewegen, neue Anforderungen entstehen und Produkte weiterentwickelt werden. Die Kunst besteht nicht darin, Wildwuchs zu verhindern, sondern ihn sinnvoll zu steuern.

Was dabei hilft:

  • Strategie und Ziele schärfen: APIs sollten kein Selbstzweck sein. Es braucht eine klare Vorstellung davon, wofür sie gebaut werden, für wen sie gedacht sind – und welchen Beitrag sie zur Wertschöpfung leisten. Wenn das Ziel klar ist, entstehen APIs mit Substanz statt Zahlenziele mit geringer Wirkung.
  • API-Governance etablieren: Ohne Rahmen keine Richtung: Leitplanken wie Namenskonventionen, Dokumentationsstandards oder Mindestanforderungen an die Sicherheit helfen, Qualität und Konsistenz zu sichern, und vermeiden das Gefühl von „Wildwuchs durch Beliebigkeit“.
  • API Thinking statt nur Technik: Gute APIs entstehen nicht durch Tools, sondern durch das richtige Mindset: Wer eine API baut, sollte sie wie ein Produkt denken. Was ist der konkrete Nutzen? Wer ist die Zielgruppe? Wie lässt sich die Erfahrung für die Konsument*innen so einfach und klar wie möglich gestalten? Dieses "API Thinking" sorgt dafür, dass APIs nutzbar, verständlich und langfristig relevant sind – ganz unabhängig vom technischen Format.
  • Kultur der Verantwortung fördern: APIs brauchen Ownership. Wer eine API baut, ist auch für ihre Pflege verantwortlich – fachlich, technisch und kommunikativ. Eine klare Zuordnung fördert Verlässlichkeit und Vertrauen in die Schnittstelle.
  • API-Nutzung aktiv managen: Welche APIs werden wie oft genutzt? Wo entstehen Fehler? Welche sind seit Monaten verwaist? Wer diese Daten erhebt und nutzt, kann fundierte Entscheidungen treffen – etwa APIs abschalten, optimieren oder neu priorisieren.
  • API-Katalog und Developer-Portal pflegen: Ein lebendiger API-Katalog ist kein Excel-Sheet, sondern ein Werkzeug für Zusammenarbeit. Mit Suchfunktion, Filteroptionen, guten Beschreibungen und Kontaktmöglichkeiten wird er zu einer echten Hilfe – und beugt Redundanzen vor.

Fazit: API-Wildwuchs ist kein Schicksal – Plattformen machen den Unterschied

Ja, APIs können ausufern. Und ja, mit der falschen Strategie oder ganz ohne Governance wird es schnell unübersichtlich. Aber der Schlüssel liegt nicht darin, APIs zu verhindern – sondern sie sinnvoll zu gestalten, sichtbar zu machen und aktiv zu managen.

Eine API-Plattform ist dabei kein Selbstzweck. Sie ist das Werkzeug, das Struktur bringt, ohne Innovation zu bremsen. Sie schafft Übersicht, fördert Verantwortung und hilft Teams, gute APIs schneller und nachhaltiger zu entwickeln – intern wie extern.

Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Eine gute API-Strategie fördert nicht mehr Wildwuchs, sondern bringt vorhandenen Wildwuchs unter Kontrolle. Mit einer Plattform, mit klaren Zielen – und mit dem Mut, APIs nicht nur zu zählen, sondern sinnvoll einzusetzen.

Dabei kommt es nicht nur auf Tools an, sondern vor allem auf die richtige Denkweise: Wer APIs wie Produkte versteht, schafft langfristig nutzbare Schnittstellen mit echtem Mehrwert. Genau das macht den Unterschied zwischen API Sprawl und einer erfolgreichen API-Landschaft aus.